Dialog in der Milchproduktion

Jeder Milchviehhalter übernimmt tagtäglich Verantwortung für seine Kühe. Dass die Art und Weise der Umsetzung auch über die Hofgrenzen hinaus auf Interesse stößt, zeigt die öffentliche Debatte um Tierwohl in der Nutztierhaltung. Das gesteigerte Interesse ist grundsätzlich eine erfreuliche Entwicklung. Leider geht sie mitunter mit pauschaler Kritik an der landwirtschaftlichen Nutztierhaltung und einer wenig sachlich geführten Diskussion einher.

Doch was kann dagegen unternommen werden, dass die Ansichten der Landwirte und die der Verbraucher so weit auseinander liegen? Wie kann eine Annäherung herbeigeführt werden? Schließlich haben verantwortungsbewusste Landwirte, ebenso wie gewissenhafte Verbraucher, ein echtes Interesse daran, das Wohlergehen der Tiere zu erhalten und zu verbessern.

Das Interesse an der Milchviehhaltung wächst stetig. (Bild: DLQ)

Welche Indikatoren braucht das Land?

Mit der Verankerung der betrieblichen Eigenkontrolle im Tierschutzgesetz wurde bereits ein Schritt in Richtung „Mehr Transparenz in der Nutztierhaltung“ gemacht.

„Wer Nutztiere zu Erwerbszwecken hält, hat durch betriebliche Eigenkontrollen sicherzustellen, dass die Anforderungen des § 2 TierSchG eingehalten werden.
Insbesondere hat er zum Zwecke seiner Beurteilung, dass die Anforderungen des § 2 erfüllt sind, geeignete tierbezogene Merkmale (Tierschutzindikatoren) zu erheben und zu bewerten.“ (§ 11 Abs. 8, TierSchG)

Eine Fülle an Indikatoren, die die Erfassung des Tierwohls zum Ziel haben, wurde in den letzten Jahren wissenschaftlich erarbeitet. Diese lassen sich grob in drei Kategorien einteilen:

  • Tierbezogene Indikatoren bilden Antworten des Tiers auf seine Lebenssituation ab. Meist bewerten diese die Tiergesundheit als einen wichtigen Aspekt des Tierwohls.
  • Ressourcenbezogene Indikatoren beschreiben das Umfeld des Tieres, beispielsweise das Platzangebot oder das Haltungsverfahren.
  • Managementbezogene Indikatoren machen Aussagen über bestimmte Praktiken, wie zum Beispiel das Enthornen von Rindern, das Fütterungsmanagement und den allgemeinen Umgang mit den Tieren.

Trotz der zur Verfügung stehenden fundierten Indikatoren konnte deren Erhebung in der breiten Praxis noch nicht erreicht werden.

Milchviehsektor klar im Vorteil

Der Milchviehsektor hat im Vergleich zu anderen Bereichen tierischer Veredelung einen entscheidenden Vorteil, der bisher nicht genutzt wurde: Er verfügt mit der Milchkontrolle, der Datenbank HI-Tier, dem QM-Milch-System und der Milchgüteprüfung über vier etablierte Erfassungs- und Analysesysteme. Durch diese werden seit Jahren tierbezogene Daten von bis zu 100 % der deutschen Milchkühe automatisiert und deutschlandweit einheitlich generiert. Warum also nicht diese Systeme nutzen, um die betriebliche Eigenkontrolle zu vereinfachen?

Milchproben im Labor (Bild: LKV Rheinland-Pfalz-Saar e. V.)

Im Rahmen der Milchkontrolle haben sich 49.000 Betriebe mit 3,7 Millionen Kühen (88 % der deutschen Milchkühe) freiwillig einem monatlichen Gesundheitscheck angeschlossen – einem Kontrollsystem, welches weltweit seinesgleichen sucht. Es werden monatlich einzeltierbezogene Milchproben aller laktierenden Kühe gewonnen und nach standardisierten Richtlinien in Hinblick auf Fett, Protein, somatische Zellzahl und Harnstoff analysiert.

Aus den Meldungen an die bundesweite Datenbank HI-Tier können für alle bundesdeutschen Rinderhaltungen (100 % der Kühe) Mortalitätsraten von Kühen und der Nachzucht ermittelt werden.

Im Rahmen der bundesweiten Auditierungen zum Qualitätsmanagementsystem QM‑Milch werden unter anderem ressourcen- und managementbezogene Informationen zum Tierwohl erhoben. Dazu gehören gegenwärtig zum Beispiel das Tier-Liegeplatz-Verhältnis, die Sauberkeit der Liegeplätze, die Sauberkeit der Euter, die Bewertung des Stallklimas und Angaben zu Auslauf und Weidehaltung. Deutschlandweit nehmen über 65 % der milchproduzierenden Betriebe an QM-Milch teil, mit steigender Tendenz.

Mehrmals monatlich wird die abgelieferte Milch aller deutschen Milchkuhhalter (100 % der deutschen Milchkühe) flächendeckend im Rahmen der verpflichtenden Milchgüteprüfung untersucht. Diese Analysen liefern tiergesundheitlich relevante Indikatoren auf Herdenebene wie etwa die Gesamtmilchmenge und die Herdenzellzahl.

Neue Chancen für die Milchviehhaltung

Ein Team aus Praktikern, Tierärzten, Wissenschaftlern und Kommunikationsexperten hat nun die Initiative ergriffen: Q Check arbeitet an einem Konzept, das die vier beschriebenen Systeme miteinander verknüpft und auf Tiergesundheitsaspekte fokussiert. Dies erlaubt die Umsetzung der betrieblichen Eigenkontrolle ohne Mehraufwand für den Landwirt.

Mithilfe der anonymisierten Ergebnisse aus der Eigenkontrolle werden Benchmarkingsysteme eingerichtet. Landwirte können diese nutzen, um den Status Quo ihres eigenen Betriebes im Vergleich zum regionalen und nationalen Status Quo zu sehen. Außerdem wird auf diese Weise die überbetriebliche Dokumentation der aktuellen, bundesweiten Tierwohlsituation ermöglicht.

Q Check setzt damit die Empfehlung des Wissenschaftlichen Beirats Agrarpolitik proaktiv um. Dieses interdisziplinär besetzte, das Landwirtschaftsministerium beratende Gremium befürwortet die Einführung eines bundesweiten Tierwohlmonitorings im Rahmen einer nationalen Nutztierstrategie. Dadurch werden neue Möglichkeiten eröffnet: Die Dokumentation soll die Verbraucherakzeptanz steigern und langfristig die Zukunftsfähigkeit der deutschen Tierhaltung sichern.