22. November 2017

Debüt von Q Check in Berlin

Ein breit aufgestelltes Projektteam aus Praktikern, Tierärzten, Wissenschaftlern und Kommunikations- sowie Datenverarbeitungsexperten begrüßte am 21. November 2017 rund 100 Interessierte zum fachlichen Austausch. Gemeinsam stellte man sich den Forderungen aus Politik und Gesellschaft nach mehr Transparenz in der Nutztierhaltung und einer stärkeren Fokussierung auf das Wohlbefinden der Tier. Das Q Check-Team forderte die gesamte Branche auf, sich einzubringen.

Prof. Harald Grethe von der HU Berlin beschrieb in seinem einleitenden Vortrag den essentiellen Nutzen eines Tierwohlmonitorings insbesondere für den landwirtschaftlichen Sektor selbst. Nur so könne Fortschritt demonstriert und Vorwürfen faktenbasiert begegnet werden. Es brauche zunächst Mut, die Karten auf den Tisch zu legen und auch unangenehme Dinge aufzudecken, aber gerade darin lägen langfristig große Chancen. „Es gibt viele gute Ansätze, um Erfolgsnachrichten zu generieren“.

Projektkoordinatorin Dr. Sabrina Hachenberg vom Deutschen Verband für Leistungs- und Qualitätsprüfungen e. V. (DLQ), Dr. Jan Brinkmann vom Thünen-Institut für Ökologischen Landbau und Prof. Dr. Matthias Kussin, Kommunikationsexperte der Hochschule Osnabrück, präsentierten gemeinsam die Inhalte von Q Check, welches über die Innovationsförderung der BLE über drei Jahre gefördert wird. Das Projektteam aus sechs Institutionen* hat es sich zum Ziel gemacht, Tiergesundheit als zentralen Punkt des Tierwohls automatisiert und bundesweit durch die bessere Nutzung bereits heute erhobener tier- und managementbezogener Indikatoren abzubilden. „Es mangelt noch an klaren Fakten, worüber wir beim Thema Tierwohl eigentlich reden. Die Branche muss selber sprachfähig werden“, machte Prof. Kussin deutlich. Dafür werden geeignete Indikatoren aus den vier in der Milchviehbranche etablierten Datenerfassungssystemen ausgewählt, gebündelt und – in Teilen – weiterentwickelt. Diese Systeme sind die monatliche Milchkontrolle, die Datenbank HI-Tier, die Milchgüteprüfung und das Auditierungssystem QM-Milch. Ziel des Projektes ist es, mit Hilfe dieser aufbereiteten Indikatoren die gesetzlich geforderten betrieblichen Tierwohl-Eigenkontrollen (§ 11 Abs. 8, TierSchG) und das Herdenmanagement zu unterstützen, gänzlich ohne Mehraufwand für die Betriebe. Bei der Auswahl der Indikatoren für die Betriebsberichte steht ganz klar der fachliche Austausch mit allen Experten aus dem Milchviehbereich im Vordergrund. Die Zusammenstellung erfolgt über ein mehrstufiges Verfahren, in welches Praktiker, 200 Experten aus Wissenschaft und Veterinärmedizin sowie Stakeholder aller relevanten Gruppen der Branche eingebunden sind.

Die Daten aus den individuellen Betriebsberichten bilden in anonymisierter Form ein überbetriebliches Benchmarking-System. Landwirte erhalten so die Möglichkeit, sich mit ähnlich strukturierten Betrieben zu vergleichen. Aufbauend auf die Ergebnisse des Benchmarking soll die Einrichtung eines nationalen Monitorings erfolgen. Dr. Brinkmann machte deutlich, dass es sich bei Q Check um einen wachsenden Ansatz handelt. „Es ist uns bewusst, dass wir mit der derzeitigen Datenlage vor allem Tiergesundheit abbilden können und dass noch wichtige Bereiche des Tierwohls fehlen. Aber wir sollten heute mit den vorhandenen Indikatoren starten, um das Ganze morgen weiterzuentwickeln“.

Emma Klein, Milchviehhalterin aus Leidenschaft, stellte zusammen mit ihrem bestandsbetreuenden Tierarzt Dr. Siegfried Moder vor, wie sich ihr Familienbetrieb dem Thema Tierwohl annimmt. Für die Landwirtin steht bei Q Check im Fokus, dass die ausgewählten Indikatoren praxisnah, verständlich und anwendbar sein müssen. „Daten umfassend zu nutzen ist sinnvoll und wichtig, aber nicht ausreichend. Tierwohl muss direkt am Tier bewertet werden“, da waren sich Landwirtin und Tierarzt einig. Dr. Moder, Präsident des Bundes praktizierender Tierärzte, sieht die Ergebnisse von Q Check eingebettet in die integrierte tierärztliche Bestandsbetreuung und hofft, dass der geplante Q Check-Bericht ihm und seinen Kunden als Grundlage für die tägliche Arbeit dienen wird: „Die fachliche Interpretation und Entwicklung passgenauer Lösungen für den Betrieb liegt dann bei uns“.

Die abschließende Podiumsdiskussion beschäftigte sich mit den Chancen und Risiken von Q Check. Als Gefahr für die Akzeptanz wurde die fehlende Finanzierung von Tierwohlmaßnahmen gesehen, die nicht auf die Landwirte abgewälzt werden dürfte. Die Podiumsgäste erhoffen sich eine erste, solide Datenbasis zur Tierwohlsituation in der Milchviehhaltung. So könne das Projekt die Tierwohldiskussion versachlichen und der Branche wichtige Argumente an die Hand geben. Der Gesetzgeber hat es bisher versäumt, das Eigenkontroll-System zu konkretisieren. Q Check wird versuchen, diese Lücke zumindest ein Stück zu schließen. Dafür muss das System von sich aus überzeugen und einen Mehrwert für den Landwirt bringen.

*DLQ e. V., LMU München, Hochschule Osnabrück, Thünen-Institut für Ökol. Landbau, LKV Bayern e. V., vit w. V.